TEZOS: ANATOMIE EINER ICO-KATASTROPHE

Tezos: Anatomie einer ICO-Katastrophe
Tezos: Anatomie einer ICO-Katastrophe

Zwischen dem erfolgreichsten ICO von 2017 und einer Klageflut liegen bei Tezos nur wenige Monate. Lesen Sie hier die Aufarbeitung dieses Falls.

Tezos erwirtschaftete im Herbst 2017 $232 Millionen durch ein Aufsehen erregenden Initial Coin Offering (ICO). Es war der bis dahin größte dieser Art. Doch anstatt an dem versprochenen Produkt zu arbeiten, zerstritten sich die Gründer mit ihrem Führungspersonal öffentlich. Die folgenden Sammelklagen wegen Wertpapier-Betrugs könnten zum negativen Präzedenzfall für viele Unternehmen werden, die mittels ICOs Gelder eingesammelt haben.

Ethereum auf der Hochzeitsreise

Tezos ist zuallererst die Geschichte des jungen Ehepaares Kathleen und Arthur Breitman. Kathleen Breitman arbeitete nach ihrem Bachelor an der New Yorker Cornell Universität als Beraterin unter anderen für Accenture. Nach einer kurzen Zeit als Strategy Associate beim Blockchain-Konsortium R3 gründete sie mit ihrem Mann Tezos. Es war ihr Mann Arthur, der dank seines mathematischen Backgrounds die Begeisterung für Bitcoin mitbrachte – zu einer Zeit, als noch kaum jemand davon wusste.

Arthur Breitman nahm einen Ausdruck der gesamten Ethereum Codebase mit auf Hochzeitsreise. Während Ethereum als Weltcomputer für Breitman schon ein Fortschritt gegenüber Bitcoin war, empfand er dessen Governance Mechanismus als zu zentral – gesteuert von Gründer Vitalik Buterin und der Ethereum Foundation. Um diese Schwachstellen auszumerzen schrieb er 2014 ein Whitepaper für Tezos, eine sich selbst optimierende Kryptowährung, welche die besten Ideen am Markt assimilieren könne: “Tezos will wirklich die letzte Kryptowährung sein[1].”

Sonderzug nach Zug

In der damals noch überschaubaren Kryptoszene lernt Breitman Johann Gevers kennen. Der in der Schweiz lebende Südafrikaner empfahl, die Tezos Idee über ein Initial Coin Offering (ICO) zu finanzieren. Gevers hatte zuvor den digitalen Zahlungsmittelanbieter Monetas gegründet. Auf der Suche nach einem Gerichtsstand, der alternative Zahlungsmittel wohlwollend gegenüberstand, wurde er schließlich im Kanton Zug in der Schweiz fündig. Zug war ein kleines und eher ärmeres Bundesland als in den 1940er Jahren die Körperschaftssteuer auf 0 Prozent gesenkt wurde. Heute kommen dadurch auf 115,000 Einwohner 29,000 Unternehmen.

Der Kanton Zug hat ein besonders freigiebiges Rechtsmodell für gemeinnützige Stiftungen. Diese werden häufig von Industriellen gegründet, um das Familienvermögen einerseits einem guten Zweck zuzuführen, aber vor allem um Steuer zu sparen. Dieses Modell wurde zum Kern einer blühenden Kryptolandschaft, deren Firmen ICOs rechtlich abgesichert durchführen wollten.

Da Stiftungen eben gemeinnützig sein müssen, nutzten umtriebige Rechtsanwälte ein Hintertürchen: Zuerst wird eine unabhängige Stiftung gegründet um eine Open Source Plattform zu unterstützen. Da bei Open Source das geistige Eigentum für jeden frei nutzbar ist, ließ sich ein gemeinnütziger Aspekt ableiten.

Um den Gemeinnutz noch zu unterstützen, werden dann beim ICO keine Tokens verkauft. Vielmehr nehmen die Stiftungen Geldwerte als Spende an und geben dafür Token als Geschenk zurück. Die Stiftung würde dann wiederrum – unter staatlicher Aufsicht – das Geld ausschließlich zum Aufbau der Open Source Plattform verwenden. Eine Spende ist keine Investition. Daher müsse sich die Stiftung auch nicht fürchten, von der US Securities and Exchange Commission (SEC) und anderer Finanzaufsichtsbehörden als solche unter schwere Auflagen gepresst zu werden.

Wer jetzt denkt, dass dies doch ein arg hinterlistiges Hintertürchen sei, der wird im August 2018 bestätigt, dass die SEC das auch so sieht. Doch davon später mehr.

In der Zwischenzeit geht Zug noch einen Schritt weiter und ermöglicht als erste Gemeinde, Steuern in Kryptowährungen zu bezahlen. Das ist Bedeutsam, denn einerseits erhalten ICOs ihre Mittel in Ether und manchmal auch in Bitcoin. Da viele Kryptofirmen Schwierigkeiten haben, ihr Kryptogeld in Fiat zu tauschen ist das ein Vorteil.

Die Mutter aller ICOs

Gevers und die Breitmans planten einen ICO und setzten dafür eine Stiftung ein. Gevers übernahm die Position des Präsidenten der Stiftung. Die Breitmans hatten keinen direkten Einfluss in der Stiftung, um die Optik der Gemeinnützigkeit zu wahren. Gevers bekam das alleinige Unterzeichnungsrecht. Er würde die Mittel freischalten, damit ein zweites Unternehmen (Dynamic Ledger Solutions) – jenes der Breitmans – die Software und die Community von Tezos entwickeln würden.

Der ICO spielte die bis dahin größte je gesammelte Summe ein: $ 232 Millionen.

Von da an nur bergab

Der Vertrag zwischen der Tezos Stiftung und Dynamic Ledger Solutions sah vor, dass letztere den Quellcode – die Intellectual Property – besaß. Die Stiftung würde binnen neun Monate die Software für 8,5 Prozent der im ICO eingespielten Summe kaufen.

Doch die kommenden Monate boten nichts als einem öffentlich ausgetragenen, kleinen, schmutzigen Krieg zwischen Gevers und Arthur Breitman. Gegenseitige Vorwürfe von Inkompetenz, unethische Beeinflussung des Stiftungsvorstands und Uneinigkeit über Personalfragen.

„NachWochen bestand die Gesamtheit der Tezos Stiftung – wie Dokumente später zeigten – gerade mal aus drei Direktoren, null Angestellte, zwei HR-Beschwerden und offene Feindschaft mit den Leuten, denen die tatsächliche IP (Intellectual Property) gehörte,“ schreibt Journalist Gideon Lewis-Kraus, in WIRED. In der selben Zeit hatte sich der Wert von Tezos fast verdoppelt, da die beim ICO eingenommenen Kryptowährungen stark gestiegen waren.

Die Breitmans versuchten im Oktober 2017, Gevers von seinem Posten abzusetzen, was der Öffentlichkeit nicht entging. Eine Tezos Community Gruppe veröffentlichte eine detaillierte Abrechnung  mit Gevers, in der dieser als wirrer Libertärer dargestellt wird, der alle seine Unternehmen in den Ruin treibt.  Eine Recherche von Reuters fand jedoch mehr als nur streitende C-Levels. Nicht nur dass in den Marketing-Unterlagen zum ICO übertrieben wurde. Viel schlimmer war der Nachweis, dass Katherine Breitman in ihren Sales Pitches den Token „verkaufte“. Namentlich genannte Investoren bestätigten, dass sie gar kein Interesse an der Tezos Plattform hatten, sondern den Token TEZ nur als Spekulationsobjekt kauften.

So war es nicht erstaunlich, dass eine Woche nach dem Reuters Artikel die erste Sammelklage in den USA gegen Tezos eingereicht wurde. Der Vorwurf: Verkauf von nicht-registrierten Wertpapieren und Wertpapier-Betrug.

Während das Schiff Tezos langsam zu sinken begann, stiegen im Herbst 2017 die Preise für Bitcoin, Ether und Co. immer weiter. Bald war das Tezos-Vermögen mehr als eine Milliarden Dollar wert. Doch ohne Konsens hatte niemand darauf Zugriff. “Es ist nicht mehr eine Sache unternehmerischer Verwaltung, sondern eine Geiselverhandlung,“ erzählte Katherine Breitman.

In der Zwischenzeit gründeten die Breitmans eine zweite Stiftung und finanzierten aus den eigenen Ersparnissen die Entwicklung des Produkts. Man könnte sich fast fragen, ob der ICO überhaupt notwendig war. Im Februar 2018 trat Gevers zurück, versüßt durch eine Abfindung.

Die Tezos-Ente watschelt

Leider war danach nicht alles gut für Tezos. Obwohl die Summe aller Tokens $1,6 Millionen wert ist, stehen die Breitmans vor neuen, gravierenden Problemen. Der Stiftungs-ICO im Kanton Zug bot nicht die erhoffte Sicherheit vor der US-amerikanischen SEC. Sie folgte dem Grundsatz des Howey Tests zur Festlegung, ob ein Wirtschaftsgut ein Wertpapier, also eine Security sei:

  1. Ist es eine Investition, die mit Geld getätigt wird?
  2. Kann man Gewinne aus der Investition erzielen?
  3. Wird die Investition in einem gewöhnlichen Unternehmen getätigt?
  4. Können Profite durch die Werbetreibende oder andere Dritte erzielt werden?

Im Falle Tezos hält laut SEC die These der Spende nicht, es handele sich um eine Security. Immer gern wird in diesem Fall das Sprichwort verwendet: „If it walks like a duck and if it quacks like a duck, then it is probably a duck. (Watschelt es wie eine Ente und quakt wie eine Ente, dann ist es wohl eine Ente.)“ Im August 2018 ließen die US-Gerichte Klagen gegen Tezos in den USA und in Bezug auf Securities zu. Es ist wahrscheinlich, dass eine Klagelawine auf Tezos zurollt. Ebenso wahrscheinlich ist, dass sie viele weitere Zug-basierte ICO Unternehmen mitreißen wird. Mehr zu dieser Entwicklung auf Fintelegram.

Der ehemalige COO der Tezos Foundation erzählte dem Journalisten Lewis-Kraus „Ich war erstaunt, wie diese anarcho-kapitalistische Gemeinschaft sich selbst auffrisst.“

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